Neue Erfahrung: Beten daheim

Neue Erfahrung: Beten daheim

Die Osternachtfeier habe ich mit meiner Frau nachts am Fernsehen mitgefeiert, eine Übertragung aus dem Mainzer Dom. Am Ostertag haben wir noch einen evangelischen Gottesdienst aus Böblingen auf einem Youtube-Kanal mitgefeiert, den meine Schwägerin als Pfarrerin in Böblingen aufgenommen hatte. Beide Gottesdienste habe ich in lebhafter und intensiver Erinnerung. Ist doch der Glaube auf diese Weise neu in unseren Zwei-Personen-Haushalt hinein gekommen.

»Ich habe dies im Nachhinein als eine wohltuende Herausforderung
erkannt, im ungewohnten häuslichen Umfeld durch Singen und
Sprechen den Glauben zu bekennen.«

Es war im ersten Moment ein merkwürdiges Gefühl, in unserem Wohnzimmer Kirchenlieder zu singen, ebenso wie die liturgischen Gebete, zum Beispeil das Vaterunser aufzusagen, aber ein sehr gutes Gefühl verbunden zu sein – wenn auch in gewisser Weise nur mittelbar über die Strahlen der TV-, beziehungsweise Internetverbindung – mit einer gottesdienstlichen Gemeinde.

Ich habe dies im Nachhinein als eine wohltuende Herausforderung erkannt, im ungewohnten häuslichen Umfeld durch Singen und Sprechen den Glauben zu bekennen – und sei es nur in der Vertrautheit unter Ehepartnern. Dabei sind uns kleine Gottesdienste zu Hause, zum Beispiel an Heiligabend nicht fremd. Auch bin ich es als Wortgottesdienstbeauftragter gewohnt laut vor anderen vorformulierte oder selbst formulierte Gebete zu beten und den Glauben zu bekennen.

Ich habe die Hoffnung, dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und dies dazu beiträgt, eine von mir oft beobachtete Sprachlosigkeit in religiösen Fragen zu überwinden.

Albert Geusen-Rühle, Neustadt in Holstein

Danke, lieber Clown

Danke, lieber Clown

Ich arbeite in einem Sozialkaufhaus und seit dem 20.04.2020 stehe ich am Eingang und leite die Kunden, die unser Sozialkaufhaus betreten wollen, auf den richtigen Weg. Denn wir haben eine Einbahnstraße eingerichtet, welche verhindern soll, dass die Menschen sich zu nahe kommen. Auf das Desinfektionsmittel und das Tragen des Mund- und Nasenschutzes hinzuweisen, gehörte ebenfalls zu meinem Aufgabenbereich.

Netter Klönschnack, ab und zu einen Witz machen, war leicht. Deeskalation, wenn es Probleme mit Kunden gab, die zum Beispiel keine Maske tragen wollten, war dahingegen ein anderes Ding. Bei den meisten stieß ich jedoch auf Verständnis, aber für einige war ich der Staatsfeind Nummer 1. Ich wurde beschimpft, beleidigt und zum Teil körperlich bedroht. Andere fingen an unsere Waren und Einrichtungsgegenstände zu beschädigen. Mein Chef kam irgendwann zu mir und lobte mich, da ich höflich und freundlich und wenn es darauf ankam auch mit einem bestimmten Auftreten glänzen konnte.

»Eine Kundin kam nach ihrem Einkauf direkt auf mich zu und sagte
mir, dass ich der freundlichste, höflichste und lustigste
Sicherheitsmann wäre, den sie jemals in einem Kaufhaus erlebt hätte.«

Komme ich nun zu dem positivsten Erlebnis meiner Karriere als Ordner an der Eingangstür. Ich begrüße alle Kunden mit einem freundlich „Moin“, wenn die Kunden gut aufgelegt sind, ist es ein leichtes für mich auch mit ihnen ein kleines Schauspiel zu veranstalten. Dann wird auch mal ein Witz erzählt. Beim Verlassen kommt dann meist von mir „einen schönen Tag noch“, oder – je nach dem – „ein schönes Wochenende“. Eine Kundin kam nach ihrem Einkauf direkt auf mich zu und sagte mir, dass ich der freundlichste, höflichste und lustigste Sicherheitsmann wäre, den sie jemals in einem Kaufhaus erlebt hätte. Ich sollte niemals meinen Humor verlieren und so weiter machen.

Mit vielen Kunden bin ich per Du in dieser kurzen Zeit geworden und es ist ein freundliches, fast familiäres Verhältnis daraus entstanden. Aber wie sang Heinz Rühmann noch in seinem Lied „Der Clown“: Der Clown, der Clown ist immer lustig anzuschauen, doch niemanden ließ der Clown, der Clown in sein Herz hineinschauen.

Jörn Schinmeyer, Eutin

Wenn das Leben still steht

Wenn das Leben still steht

Eigentlich fing alles damit an, dass eine gute Freundin Mund-Nasen-Bedeckungen nähte und diese für den guten Zweck verkaufte. Der Erlös wird an Geschäfte unserer kleinen Stadt gehen. Leider konnte ich ihr dabei nicht helfen – meine Nähkünste reichen dafür nicht aus. Aber ihr Tatendrang steckte mich buchstäblich an und die Absudität der leeren Supermarktregale (beziehungsweise vornehmlich der Toilettenpapierregale) inspirierte mich zu einer verrückten Idee. Ich inszenierte und fotografierte – tatkräftig unterstützt von meinen drei Töchtern – Stillleben. Das besondere an ihnen sind Toilettenpapierrollen, sinnbildlich für Corona, die ich mit anderen Gegenständen kombinierte. Mal war es eine von meiner Tochter ausgepustete Kerze, mal Nudeln, mal Seife, mal Mehl und Hefe. Später auch genähte Mundschutze, ein Grundgesetz oder auch ein leerer Teller. Die Ideen dazu kamen mir durch das, was medial sehr präsent war.

»Ich hätte für ein Lächeln gesorgt, für etwas Licht zwischen all dem
Dunkelen, sagten mir die Käufer. Tatsächlich scheine ich meine
Mitmenschen erreicht und berührt zu haben.«

Wir arrangierten also diese „Settings“ und ich fotografierte sie mit einem Smartphone. Als ich die Bilder meiner nähenden Freundin zeigte, war sie so begeistert, dass die Idee entstand, die Bilder abzuziehen und zu verkaufen. Das tat ich dann also auch. Und wirklich, die Bilder verkauften und verkaufen sich gut!

Von Anfang an war mir aber klar, dass ich den Erlös nicht behalten, sondern spenden möchte. Da wir alle tierlieb und unternehmungslustig sind, war der Empfänger schnell klar: der Wildpark Eekholt sollte die Spende – am Ende 1324 Euro – bekommen. Da die Nachfrage Ende April nicht abriss, kann sich aktuell der Zoo Arche Noah Grömitz über weitere 1100 Euro freuden.

Die Summen sind hoch, ich staune selbst jeden Tag darüber. Stillleben mit Klopapier. Wer sollte das denn schon schön finden?

Der finanzielle Erfolg tritt für mich allerdings in den Hintergrund, denn das, was ich aus dieser Zeit mitnehmen werde, ist viel mehr Folgendes: Vor meiner Tür standen Menschen mit Tränen in den Augen. Mich erreichten wertschätzende Mails. Ich hätte für ein Lächeln gesorgt, für etwas Licht zwischen all dem Dunkelen, sagten mir die Käufer. Tatsächlich scheine ich meine Mitmenschen erreicht und berührt zu haben.

„Gottes Geist nutzt den Wandel und lehrt und in der Krise Gutes.“ Meine Familie und ich – wir werden viel Gutes aus dieser Zeit mitnehmen. An meine noch kleinen Kinder möchte ich das gerne weitergeben: Gutes tun ist nicht schwer, man braucht dafür nicht viel. Und gemeinsam können wir ganz viel bewegen.

Dr. Cornelia Kohlhardt-Floehr, Plön

Die Entdeckung des Einfachen

Die Entdeckung des Einfachen

Was mir in der Corona-Krise Gutes begegnet ist:

1. Dass viele Dinge ausfallen (Konferenzen, Treffen, eigene Projekte wie Reisen und Magazine) hat auch sein Gutes. Ich habe vieles als Erleichterung empfunden. Auch wenn alle diese verschobenen Aktionen gewollt und sinnvoll sind: Wir machen zuviel.  

2. Die Entdeckung des Einfachen. Paradebeispiel ist der Fronleichnamsgottesdienst. Die Schlichtheit der Feier war nicht nur wohltuend anders, sondern entspricht dem Festinhalt viel mehr als die traditionsgemäß pompösen und überlangen Feiern. Ein so schlichtes „Format“ wie das Mittagsgebet „Fünf nach Zwölf“ (täglich live auf dem You-Tube-Kanal beziehungsweise dem Facebook-Kanal des Erzbistums Hamburg) hätten wir uns vor Corona gar nicht getraut anzubieten. Es ist auch ein Perspektivwechsel. Wir bemessen den Wert fast jeder Aktion nach ihrer Größe. Großer Aufwand und viele Menschen bei einer Wallfahrt, einem Bibelabend oder in einem Gottesdienst heißt: Es gibt eine große Nachfrage, die Sache ist erfolgreich. Wenige Menschen bedeutet: Das will keiner haben, es ist eine Pleite, man lässt es folglich sein. Oder legt man andere Kriterien an? Es gibt auch in der Musik nicht nur das Wagner-Orchester, es gibt auch das Streichquartett und die Partiten für Violine solo. 

»Die Nähe zwischen Menschen ist durch nichts zu ersetzen.
1,5 Meter Abstand ist zu viel für nahezu jede Begegnung.
Das merke ich jetzt, wo ich diese Begegnung vermisse.«

3. Die Nähe zwischen Menschen ist durch nichts zu ersetzen. 1,5 Meter Abstand ist zu viel für nahezu jede Begegnung. Das merke ich jetzt, wo ich diese Begegnung vermisse. Aber wir wussten es auch schon vorher. Warum kommen Erstkommunion- und Firmgruppen  (trotz quantitativer Rückgänge) immer noch so gut an? Weil man dort in Kontakt mit anderen Menschen kommt.   

4. Der Mut, Bedenken wegzuschieben auch mal etwas anders zu machen. Pfingsten habe ich in meiner Kirche einen Gottesdienst erlebt, der von zwei Frauen und dem Musiker geleitet wurde. Die Wort-Gottes-Feier war sehr schön und eindrucksvoll, ich habe selten etwas Ähnliches in unserer Kirche erlebt. Wir haben als ehrenamtliche Liturgen gute Leute, die gut ausgebildet sind. Es muss nicht – wie sonst immer bei Personalmangel – ein polnischer  Priester oder ein Ruheständler eingeflogen werden, zur Qual der Gemeinde. Die Sorge, dass die Gläubigen die herausragende Stellung der Eucharistie abstreiten könnten, halte ich für unbegründet. Unter den Leuten, die sonntags da sind, gibt es keinen, der nicht um den Wert der Eucharistiefeier weiß. Und wenn der Wortgottesdienst am Ende die Gläubigen mehr anspricht als die Messe, sollte man nicht Konkurrenz und Glaubensabfall wittern, sondern sich zuerst die Frage stellen: Warum ist das so? Liegt es vielleicht an der Gestaltung der Messe? 

5. Die De-Digitalisierung. Bekannte und Freunde haben mir  in den vergangenen Wochen Briefe geschrieben. Mit Tinte auf Papier. Was mich dazu gezwungen hat, ebenfalls handschriftlich zurückzuschreiben. Ich musste erst einmal Briefpapier, Füller und Briefmarken kaufen. Das Schreiben dauert viel länger als per Email oder auf Facebook. Ich finde nur schwer Zeit und Ruhe, einen solchen Brief zu schreiben. Aber diese Zeit gehört dann ganz den Adressaten.

Ich schätze digitale Hilfen, beruflich sowieso, aber auch im Glaubensleben. Aber für mich ist Kirche und Glaube im Kern ein analoges Ereignis. Es erfordert Präsenz und lebt in jeder Hinsicht von der  Begegnung „im Fleische“. Jüngere Menschen sehen das sicherlich anders und haben auch dafür Gründe.

6. Auch wenn man in Krisen lernen kann und sicherlich auch Gutes bleibt –  ich freue mich, wenn das alles vorbei ist.  

Andreas Hüser, Börnsen